Die Tradition des Freischlagens

Das Azubihilfe Netzwerk wendet sich mit einem Thema an die Öffentlichkeit, das aus unserer Sicht dringend diskutiert werden muss: das sogenannte Freischlagen im Steinmetz*innen Handwerk.

Ein Dialog mit dem verantwortlichen Verband über die Problematiken dieser Tradition ist leider gescheitert. Daher bitten wir nun die Presse um Aufmerksamkeit und Begleitung.

Die Tradition des „Freischlagens“ ist ein altes Ritual im Steinmetzinnen Handwerk, bei dem Junggesellinnen mit einem Schlag auf das Gesäß durch ihren Meister oder ihre Meisterin symbolisch in den Gesell*innenstand erhoben werden. Dieses Ritual wird in Teilen Deutschlands nach wie vor, bzw. wieder, als offizieller Bestandteil der Freisprechungsfeier praktiziert. Öffentlich, auf einer Bühne.

Die konkrete Ausführung variiert regional: Mancherorts erfolgt der Schlag symbolisch auf die Schulter, ähnlich einem Ritterschlag. In anderen Regionen ist das Ritual ganz abgeschafft oder durch andere ersetzt worden.

Konkret möchten wir auf die Freisprechungs- bzw. Lossprechungsfeier in NRW hinweisen, bei der das Freischlagen auf das Gesäß weiterhin durchgeführt wird. Die Veranstaltung findet Anfang September in Düsseldorf statt und bildet den offiziellen Abschluss für alle Steinmetz Gesellinnen in NRW, die in diesem Jahr ihre Ausbildung abgeschlossen haben. Ausgerichtet wird sie vom Landesinnungsverband (LIV) der Steinmetzinnen NRW, im Rahmen eines größeren Verbandsfestes mit Lossprechung und Freischlag.

Den Junggesell*innen wurde bereits eine Einladung samt Formular zugesendet, in dem sie angeben können, ob sie am traditionellen Freischlagen teilnehmen oder alternativ per „feierlichem Handschlag“ freigesprochen werden möchten.

Trotz dieser „freiwilligen“ Wahl sehen wir einige grundlegende Problematiken:
Demütigung: Ein Initiationsritual darf nicht beschämen. Für viele wirkt das Freischlagen jedoch nicht wie eine Ehrung, sondern wie eine öffentliche Zurechtweisung.
Sexualisierung und Machtsymbolik: Der Schlag auf das Gesäß, ein intimer Körperbereich, ist in keinem Kontext angemessen, schon gar nicht in einem öffentlichen, institutionellen Rahmen!
Trigger-Gefahr: Die Kombination aus Bühne, Publikum und körperlicher Handlung kann ein reales Risiko für Gewaltbetroffene darstellen, auch im Publikum.
Verharmlosung von Gewalt: Selbst wenn das Ritual „mit Augenzwinkern“ ausgeführt wird, bleibt es eine körperliche Machtdemonstration, die nicht in eine moderne Berufsausbildung gehört.
Intransparenz: Auszubildende berichten, dass sie teils durch Berufsschulen gar nicht oder nur unzureichend über das Ritual aufgeklärt werden.

Auf fundierte Nachfragen und Kritik unsererseits reagierte der LIV mit dem Hinweis auf die lange Tradition und die symbolische Bedeutung des Rituals. Teilweise wurde eingeräumt, dass sich manche Auszubildende unwohl fühlen; die Möglichkeit zur Auswahl zwischen zwei Varianten wurde als ausreichende Maßnahme dargestellt. Insgesamt jedoch wurden unsere Bedenken größtenteils relativiert oder als unbegründet zurückgewiesen. Auf wiederholte Nachfragen wurde schließlich nicht mehr geantwortet.

Wir würden uns freuen, von Ihnen zu hören, und stehen jederzeit für Rückfragen zur Verfügung.

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